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Dr. Karsten Ewald
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Zum
Streit zwischen Wolfgang Willam und Sandra Schmidt
Der Sportdirektor des
DTB versucht in seiner "DTB-Stellungnahme"
als Antwort auf einen GYMforum-Beitrag
der Autorin Sandra Schmidt mit drastischen Worten eine Reinwaschung der
Kampfrichterleistungen. Doch diese Leistungen werden in einem System
abverlangt, welches überhaupt nicht dazu geeignet ist, Leistungen zu
objektivieren. Wenn die maximal erreichbare Punktzahl festgeschrieben
und bei internationalen Meisterschaften ein Ausgangswert von 10 Punkten
normal ist, dann bleibt eben nur ein winziger Spielraum für
Kampfrichter. Ein Endwert von 9.737
Punkten bedeutet eben auch, dass ein individueller Spielraum von 0,1
Punkten entscheidend sein kann. Kein Mensch der Welt kann in Echtzeit
eine derartig kleine Differenz im Leistungsunterschied wirklich
bestimmen.
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...
zur Sachlage:
Das
bedeutet nun mal auch, dass ein Kampfrichter um eben diese Differenz
nach oben oder unten abweichen kann, ohne dass dies auffällt. Dies hat
natürlicherweise zur Folge, dass derartige Abweichungsmöglichkeiten
auch ausgenutzt werden, wenn es um nationale Interessen geht. Meistens
sind die Unterschiede freilich noch viel größer, denn mit der
Bedeutung des Wettkampfes schwindet auch die Scham. Das war auch früher
schon so – und jeder Turnexperte weiß es. Jeder weiß auch, dass ein
nationaler Kampfrichter nur dann zu olympischen Ehren kommen kann, wenn
er das Vertrauen seines Verbandes besitzt. Dieses Vertrauen erwirbt man
sich in erster Linie durch knallharte Durchsetzungsfähigkeiten am
Kampfrichtertisch. Auch dies dürfte bekannt sein.
Zu DDR-Zeiten gab es
hierfür genaueste strategische Überlegungen und auch Absprachen mit den
Kampfrichtern anderer Nationen. Dieser Umstand veranlasste mich damals,
mich vom Hochleistungsturnen abzuwenden. Die Regeln schienen manchmal sehr
einfach: Wir wollen den Sieg am Sprung - und wenn der nicht gestanden
wird – dann eben am Barren. Natürlich war die DDR-Kaderdecke damals
weitaus dicker. Was die generelle Bewertungsstrategie betraf, so hieß
es damals hinter vorgehaltener Hand: "...erst weiß, dann gelb, dann
schwarz..." ...hiermit war die Hautfarbe gemeint.....! Warum soll sich denn hier etwas geändert
haben? Man möge mir bitte glauben, dass ich mich hier nicht mit
solcherart hergeholten Behauptungen aus dem Fenster lehne, aber ich werde auch
keine Namen nennen.
Herr
Willam redet hier von "Verleumdung". Er muss dies als Sportdirektor auch
tun, doch es ändert nichts an den Tatsachen, die sich leider so
offenbart haben, wie es Frau Schmidt (leider etwas polemisch überhöht) beschreibt.
Die wirkliche Dimension des Problems
Warum
will ich hier das Nest beschmutzen? Weil es in irrsinnig verkrusteten
internationalen Bewertungsstrukturen offenbar nicht anders geht, als
dass zu drastischen Einflussmöglichkeiten gegriffen wird. Dem IOC sei
Dank – es scheint sich etwas zu rühren. Vielleicht kommt ja auch
endlich mal ein Bewertungsmodus zu Stande, der auch den unbedarften
Fernsehzuschauer an den hervorragenden Leistungen der Turner teilhaben lässt,
ohne dass er sich nach jeder Wertung fragen muss: ja was ist denn das
jetzt? Die moderne Technik würde sogar eine Ermittlung des technischen
Ausgangswertes während der Übung live auf dem Fernsehschirm möglich
machen. Nur dann muss die 10 als Maximalwert fallen. Das sind keine
neuen Ideen. Für mich gibt es nur einen einzigen Grund, warum diese
Erkenntnis bisher in den internationalen Turngremien keine Beachtung
fand: der Spielraum für Manipulationen wird geringer, persönliche
Machtansprüche schwinden so wie die Einflussmöglichkeiten der Funktionäre.
Es klingt vielleicht hart, aber ich bin der Auffassung, dass die
Attraktion und der Medienwert des Turnens in der Vergangenheit den
Machtgelüsten einiger internationaler Funktionäre geopfert wurden.
Hoffen wir im Interesse unserer Sportart das Beste für die Zukunft.
Dr. K. Ewald
Präsident KTV Stuttgart
Geschäftsführer MTV Stuttgart
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