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Friedrich Manseder |
Österreich eröffnet Strukturdebatten:
Spitzensport und Gesellschaft
Österreichs Vorturner, der Präsident des "Österreichischen Fachverbandes Turnen" (ÖFT), Friedrich Manseder:
„Wir sind stolz auf unser Olympia-Trio, ich gratuliere sehr herzlich!“
Erstmals in der Geschichte hatten sich Sportler/innen aus drei Sparten des ÖFT für die Olympische Spiele qualifiziert:
Caroline Weber wurde gestern starke 18. in der Rhythmischen Gymnastik. Fabian Leimlehner und Barbara Gasser landeten trotz nicht optimaler Tagesverfassung als 39. bzw. 46. in der ersten Hälfte des stärksten Turn-Wettkampffeldes der Welt.
Alles über Turnen/Trampolin/Gymnastik in LONDON 2012
>> GYMmedia-Website 'LONDON 2012
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Olympia-Resümee des Österreichischen Turnverbandes:
Internationaler Aufwärtstrend bestätigt.
Nach 48 Jahren olympischer Absenz des österreichischen Kunstturnens war dies weder ein „Versagen“, noch ein „Olympia-Tourismus“, wie manche Medien irren. sondern: es handelt sich um ein beachtenswertes Comeback am Weg zur Spitze.
* Fabian Leimlehner hatte sich am 28. Juli bei seiner schwierigsten und riskantesten Kombination über das Reck um wenige Zentimeter „verflogen“. Dies brachte ihn um seine sonst vorhandene und erhoffte Top20-Chance. Mit der Wiederholung der fehlerfreien Leistung seines internationalen Qualifikations-Wettkampfes (ein halbes Jahr zuvor in derselben Halle) hätte Leimlehner sogar überraschend das olympische Mehrkampffinale erreicht. Sein 39. Gesamtrang ist der drittbeste aller bis jetzt 25 ÖFT-Turner bei Olympischen Spielen.
Der 24-jährige in Innsbruck lebende Oberösterreicher blickt längst wieder nach vorne: „Ich bedanke mich bei allen, die mich auf dem Weg nach Olympia begleitet haben: Bei meiner Familie, meiner Freundin, meinem Trainer und dem Verband. Es war sicher nicht immer einfach, doch nehme ich viele Eindrücke des größten Sportereignisses der Welt nach Hause. Leider verlief mein Wettkampf nicht wunschgemäß.
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Leimlehner |
Dennoch konnte ich wichtige Erfahrungen sammeln, die sicher von großer Bedeutung für mein Ziel Rio 2016 sind. Man muss erst lernen, mit so einer großen Kulisse umzugehen.“
Leimlehner spart auch nicht mit Kritik: „Alleine mit meiner Qualifikation nach so langer Zeit konnte ich für Österreichs Turnsport einen wichtigen Meilenstein setzen. Umso trauriger macht es mich, wenn wir Sportlerinnen und Sportler des Olympic Team Austria dann als Wettkampftouristen bezeichnet werden. Ich bin mir absolut sicher, dass jeder sein Bestes gegeben hat und weiter sehr hart arbeiten wird, um dann 2016 Erfolg zu haben. Solche Aussagen können nur von Leuten kommen, die nicht viel Ahnung vom Spitzensport haben.“
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Barbara GASSER |
Barbara Gasser gelang am 29. Juli ein sehr selbstbewusster und aktiver Olympia-Auftritt mit ausgeprägtem Kämpferherz. Leider blieb sie in der Bewertung hinter ihren Möglichkeiten zurück: „Ich bin nicht fehlerfrei durchgekommen.“
Ihr 46. Platz war dennoch der beste unter den bis jetzt zwanzig für Österreich bei Olympischen Spielen angetretenen Turnerinnen. Vor den Spielen als anvisiertem Karriere-Höhepunkt hatte die 22-jährige in Kanada lebende Lustenauerin mit einem Rücktritt in absehbarer Zeit geliebäugelt. Nun hat sich dies völlig geändert: „Ich habe in London riesige neue Motivation getankt. Ich lege zwar im Herbst wegen des Studiums eine Wettkampfpause ein und werde nur trainieren. Doch trotz oder vielleicht sogar gerade wegen meines nicht optimalen Olympia-Wettkampfes mache ich jetzt ganz sicher bis 2016 weiter. Mein nächstes Ziel ist die EM 2013.“
Neuer Fokus: Turn-Mannschaftsbewerb. Barbara Gasser und Fabian Leimlehner sind überzeugte „olympische Nicht-Eintagsfliegen“.
Beide betonen, dass ihnen der Druck der österreich-internen Konkurrenz höchst bewusst ist und sie sich äußerst anstrengen müssen, um bei der entscheidenden Qualifikation für Rio 2016 wieder die besten sein zu können. .“
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Leimlehner, Weber |
So gilt ein Hauptaugenmerk der kommenden Jahre dem Mannschaftsbewerb, wo sie sich selbst in einer wichtigen Führungsrolle erkennen.
Gasser: „Manche werden zweifeln, doch ich halte es für möglich, dass wir uns als Team qualifizieren. Man muss sich hohe Ziele setzen, damit man weiß, wo es hinzuarbeiten gilt“.
Leimlehner: „Wir Turner haben uns als nächste große gemeinsame Aufgabe gestellt, bei der EM 2014 erstmals das Mannschaftsfinale der besten Acht zu erreichen. Wenn wir jetzt unsere Trainingsbedingungen strukturell weiter verbessern können, schaffen wir das. Unsere Mannschaft hat Zukunft!“
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Caroline Weber |
Österreichs internationale Top-Gymnastin Caroline Weber verabschiedete sich in London 26-jährig als drittälteste Gymnastik-Teilnehmerin (nach zwei 27-Jährigen) von den Olympischen Spielen:
„Rio 2016 ist für mich zu weit weg. Ich habe hier alles gegeben und vier ausgezeichnet gelungene Übungen gezeigt. Ich glaube nicht, dass ich die Kraft und Energie aufbringen kann, um noch einmal vier Jahre täglich so hart zu arbeiten. Mein nächstes großes Ziel ist die Heim-Europameisterschaft 2013 in Wien. Ich setze nun einen Schritt nach dem anderen.“
Weber ist die erste von bis jetzt vier österreichischen Rhythmischen Gymnastinnen, die es zweimal bis zu den Olympischen Spielen geschafft hat.
Ihre Plätze 17 (Peking) und 18 (London) sind außerdem die beiden deutlich besten. In London musste die Ausnahmeerscheinung am 9. und 10. August eine ihr nicht unbedingt wohlgesonnene Jury verkraften.
Die BBC-Fachkommentatorin sprach aus, was das Publikum mit seinem Riesenapplaus zum Ausdruck brachte: „We would have loved to see Caroline Weber in the Top 10 Final. Such a great person, such great performances, so great humour and style!“
ÖFT-Präsident Prof. Friedrich Manseder sieht die Arbeit seines Turnverbandes in London bestätigt: „Olympia hat eigene Gesetzmäßigkeiten. Wir sind alle sehr stolz auf Barbara, Caroline und Fabian. Sie sind große Vorbilder für die Jugend und starke Persönlichkeiten. Alle drei haben Österreich bei den Olympischen Spielen absolut würdig vertreten. Ich gratuliere ihnen und ihren langjährigen Trainern Luchia Egermann, Christine Frauenknecht und Petr Koudela sehr herzlich! Beim ÖOC bedanke ich mich für die sehr gute Zusammenarbeit.“
Eine Absage erteilt Manseder der in der Öffentlichkeit geführten Diskussion über sogenannte olympische Wettkampftouristen: „Dass Österreich in London bis jetzt noch ohne Medaille dasteht, darf man nicht den Sportlern vorwerfen. Sie alle haben mit ganzer Kraft das Bestmögliche aus den ihnen gebotenen Möglichkeiten heraus geholt. Das Grundproblem liegt viel tiefer. In Österreich existiert jenseits des Schnees kein echtes Bekenntnis zum Spitzensport.“
Manseder weiter: „Wir dürfen nicht die Symptome der Medaillenflaute bekämpfen, sondern müssen uns um die Ursachen kümmern. Wir stehen im internationalen Konkurrenzkampf und haben im Vergleich zu den anderen Ländern, mit denen wir uns sonst gerne messen, schlechtere Karten. Es gibt zu wenige Trainingszentren, zu wenige Trainerposten, zu wenig Zusammenarbeit mit den Schulen bei der Talentfindung, zu wenig Sport in den Schulen, keine langfristig verfolgte Strategie. Hier überall besteht dringender Handlungsbedarf, wenn wir Österreichs Sommersport-Nachzüglertum beenden wollen.“
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Mag. Robert Labner |
Und wie geht es weiter...?
ÖFT-Generalsekretär Robert Labner interpretiert die Olympia-Bilanz 2012 als Arbeitsauftrag:
„Obwohl Österreichs Turnsport in den letzten Jahren kräftig aufgeholt hat, stoßen wir nun an eine Grenze.
Unsere direkte internationale Konkurrenz hat durchwegs bessere Trainings-Rahmenbedingungen. Wir halten nur dank des riesigen persönlichen Engagements aller Beteiligten auf olympischem Niveau mit. Es ist ein Schulterschluss mit allen Partnern im Sport notwendig, um den nächsten Schritt zu schaffen: Infrastrukturell wie organisatorisch mit der Konkurrenz zumindest gleichzuziehen."
* Quelle: Ö F T